Jahresbericht 2015

Die IG Frau und Museum hat sich zum Ziel gesetzt,  Räume  –  auch Denkräume –  zu schaffen und mit „weiblichem Blick“, das heisst aus der Perspektive von Frauen,  zu erkunden. Damit soll die Möglichkeit geschaffen werden, das Frauenbild in der Gesellschaft zu betrachten, zu hinterfragen und damit auch in Zusammenhänge zu stellen, die ermöglichen, andere und neue Zugänge zu erfahren. Dies unter anderem auch, um mehr Bewusstsein zu schaffen für die Situation von Frauen in unserer Gesellschaft und damit auch für den derzeitigen Stand der Gleichstellung.

In 2015 haben wir dies mit dem Fokus auf die Vernetzung in die Wege geleitet. Die Bilanz für unser Jahresprogramm könnte man beschreiben mit:

„Vernetzungen suchen – herstellen – erproben – Schlüsse ziehen“.

Ein erstes Ergebnis der Vernetzung war die Ausstellung:
„Lichtwerke, die Fotografin Mia Hesse geb. Bernoulli“ in der Frauenbibliothek und Fonothek Wyborada.  Die Vernissage am 5.2.2015 war gut besucht und wir, verschiedene Frauen aus der  Wyborada, dem Archiv für Frauen-, Geschlechter- und Sozialgeschichte und Frau Dr. Eberwein, die Besitzerin des Hermann Hesse Hauses, konnten stolz sein auf die, von der Kuratorin Sabine August  für die Räume der Frauenbibliothek angepasste, sehr schöne Ausstellung. Auch die Rahmenver-anstaltung in der Kunsthalle St. Gallen war gut besucht und der Vortrag von Frau Dr. Eberwein über ein für die damalige Zeit typisches Frauenschicksal, vermochte nachdenklich zu stimmen aber auch zu begeistern.  Doch nicht nur vernetztes Arbeiten war gefragt, auch die finanzielle Unterstützung durch den Kanton, die Stadt, die Arnold Billwillerstiftung und der von Heidi Witzig’s Bruder (Witzig The Office Company) gratis durchgeführte Transport der Ausstellung und ihre Defizitgarantie trugen zum erfreulichen Ergebnis bei und natürlich auch der extra Einsatz der Leiterin der Frauenbibliothek Regula Lüscher.

Kurz nach der auch gut besuchten Finissage wurde eine weitere Vernetzung realisiert. Dieses Mal mit der PFG St. Gallen zum Thema:  „Kein Sexismus in der Werbung“ am 8. März, dem internationalen Tag der Frau. Die Anfrage für eine gemeinsame Aktion hat uns sehr gefreut. Wir beteiligten uns an den vorbereitenden Sitzungen und konnten unseren Blick,  aus unserer etwas anderen Perspektive, nämlich den der Feministinnen der zweiten Generation, einbringen. Auch an einer Aktion zu aktuellen „sexistischen Werbeplakaten“ haben wir uns beteiligt.  Es hat mir Spass gemacht, mit einer jungen Frau durch St. Gallens Innenstadt zu schlendern und die Plakate aus weiblicher Perspektive zu hinterfragen.  Da konnte ich eins zu eins Erfahrungen im „weiblichen Blicken“ sammeln.

Da am Tag der Präsentation die Demonstration in Bern „Lohngleichheit jetzt“ stattfand, haben Heidi Witzig und ich beschlossen, sich der Demo anzuschliessen und mit zwei Plakaten mitzumarschieren. Der Moment in dem uns bewusst wurde, dass wir am Anfang eines etwa 10‘000 Menschen umfassenden Zuges gingen, machte uns stolz und glücklich. Die „magere“ bzw. das Ereignis herunterspielende Berichterstattung in den Zeitungen und in SRF gab allerdings zu denken und nicht nur das, die Medien und ihre Berichterstattung zum Thema „Frauen“ bleibt ein Dauerthema. Gerade eben wurde in einem Bericht zusammengefasst:

Schweizer Medien transportieren traditionelle Rollenbilder Der zweite Schweizer Bericht zum Global Media Monitoring Project zeigt: Frauen sind in den Medien weiterhin stark untervertreten. Drei Viertel der tagesaktuellen News beziehen sich auf Männer, Frauen werden lediglich in 24 Prozent der Nachrichten erwähnt. Auch in den Redaktionen sind Frauen mit 30% in der Unterzahl, ihr Anteil ist in den letzten fünf Jahren gar um fünf Prozent gesunken. Dazu gibt es einen 40-seitigen Bericht.

Deshalb waren wir auch das ganze Jahr in der an der GV im 2013 gegründeten Gruppe InnenPerspektiven aktiv. In dieser Gruppe sind  eine Frau des Iff-Forums, des MatriArchivs und der Ostschweizerinnen.ch beteiligt und wir engagierten uns sowohl an der  St. Galler Netzwerktagung vom 3. Juni als auch an einem weiterführenden Round Table am 14. November 2015.

Die Tagung vom 13. Juni unterstützten wir mit einer Pinnwand zum Thema:
„Frauennetzwerke - gestern – heute – morgen“. Wir stellten gesammelte Unterlagen von 36  Vereinen vor und konnten auf das schön präsentierte Ergebnis stolz sein. Die Unterlagen sind nun vorhanden und können bei Bedarf  bei mir für allfällige Präsentationen abgeholt werden.  Bei dieser Aktion waren Sabine August mit ihrem Fachwissen und ich mit dem Sammeln und Aufbereiten der Unterlagen beteiligt.

Durch die beiden Engagements für die St. Galler Frauen Netzwerke ist die eigentliche Arbeit der InnenPerspektiven, die Darstellung von Frauen in den Medien, etwas in den Hintergrund getreten, doch soll sie in diesem Jahr weitergeführt werden, dies wenn möglich mit dem Thema der Gleichstellung von Mann und Frau.

Wie gewohnt haben wir in der Jahresmitte unseren Zwischenbericht versandt.  

Am 25.7.2015 besuchten wir, gemeinsam mit der Denkbar St. Gallen, das Hermann Hesse Haus in Gaienhofen. Ein weiteres Beispiel von vernetztem Vorgehen und von Erinnerungskultur an und für Frauen. Dieser Ausflug war von Barbla Jäger, die in beiden Organisationen im Vorstand arbeitet,  hervorragend organisiert und vorbereitet worden und erlaubte unter anderem auch einen Blick in die wunderbare Welt des unteren Bodensees an einem Föhn-Tag. Er ermöglichte vor allem aber  Einblicke in ein Frauenleben von „anno dazumal“ in Gaienhofen. Ein Leben auf dem Lande, das sich Mia Bernoulli, die musikalisch begabte Tochter aus dem „Basler Daig“ und eine der ersten Kunstfotografinnen der Schweiz, zusammen mit ihrem noch unbekannten Ehemann Hermann Hesse, dort aufgebaut hatte. Ein Leben, das dann an der Realität mit einem oft abwesenden Mann, 3 Kindern und vielen Gästen zerbrach und Mia Bernoulli in eine Erschöpfung trieb.

In einem Beizli am See versuchten wir uns ins Thema zu vertiefen und uns ein Bild davon zu machen, wie es Frauen erging, wenn sie psychisch und physisch erschöpft waren (heute würde man das wohl Burnout nennen, damals wurde es – so vermute ich – Hysterie genannt). Barbla Jäger hat dazu sorgfältig Unterlagen zu „Wahnsinnsfrauen“ gesammelt und vorgestellt.

Auch ganz im Sinne der IG war der Vortrag von Heidi Witzig am 16.8.2015 im Historischen und Völkerkundemuseum in St. Gallen. Die Ausstellung zum 1.Weltkrieg hiess: „Im Atemzug der Zeit
– St. Gallen und der erste Weltkrieg“ 
– der Vortrag von Heidi Witzig lautete: Die „Heimatfront“ Frauenalltag in St. Gallen während des 1. Weltkriegs. Der sehr gut besuchte, äusserst interessante Vortrag mit einem Blick auf das Leben von St. Gallerinnen vor hundert Jahren, zeigte, wie gross das Interesse an Frauengeschichte ist.

Er hatte aber noch eine weitere erfreuliche Wirkung. Wir vom Vorstand erhielten durch diesen gelungenen Anlass die Möglichkeit, zusammen mit Frau Monika Mähr und Frau Jolanda Schärli, durch die permanente Ausstellung des Museums zu gehen und uns die von ihnen gezeigten, auf Frauen bezogenen Objekte anzusehen. Als nächstes wollen wir nun aus diesen Eindrücken eine Führung entwickeln. Sie soll nach unserem Motto „mit weiblichem Blick durch ein Museum“ entstehen und wenn möglich ein Modell für weitere Führungen werden, die die Situationen und Beziehungen von Frauen und Männern in der Gesellschaft aufzeigen.  Eine Herausforderung, die unseren Statuten besonders entspricht und unsere Kreativität anspricht. Die Projektleitung hat Heidi Witzig.

An der Vorstandssitzung vom 31. August 2015 (wir haben unsere Aktivitäten an 5 Vorstandssitzungen vorbereitet) konnten wir das von Barbla Jäger mit grosser Sorgfalt und feinem Gespür für Ästhetik gestaltete und nun gedruckte Grundlagenpapier in Empfang nehmen und mit Kaffeetassen anstossen. Wir haben vorgesehen, es im neuen Jahr an verschiedene, für Museumsbelange wichtige Adressatinnen und Adressaten zu versenden. Selbstverständlich erhalten dann auch alle unsere Mitglieder diese Post. Barbla Jäger danken wir für ihren Einsatz ganz besonders, hat sie doch den Tod ihres Ehemannes Freddy am 2. März des vergangenen Jahres zu verkraften. Er soll, so war Barbla Jägers Beiträgen jeweils zu entnehmen, im Hintergrund seine Meinung und sein grosses Wissen zum Thema Grundlagen entwickeln, eingebracht haben. Wir danken ihm sehr dafür. Barbla Jäger entwickelt auch ihr Projekt zur Situation der Frauen in der Stickerei weiter.

Ein Vorstandsinterner Anlass war unser Weiterbildungsausflug nach Zürich an die Uni. Wir konnten an einer Führung zur Gendergeschichte an der Uni Zürich „Frauenstudium, Gleichstellung und Architektur“ teilnehmen. Eindrücklich war diese Mischung zwischen räumlicher Darstellung und Frauengeschichte, etwas ganz besonderes und nachahmenswert. Die ehemaligen Studentinnen der Uni, Heidi Witzig – deren runder Geburtstag auch zu feiern war – und Barbla Jäger, konnten viele Erinnerungen auffrischen und mit dem, was nun neu ist, vergleichen, auch eine Art Rundgang mit Zeitvergleichen (wäre wohl auch noch zu entwickeln).  Einzig mit der übergrossen „königlich“ wirkenden Coach von Pipilotti Rist in der Aula, als „Denkmal für Emily Kempin Spyri“ gedacht, kamen wir nicht so zurecht, wir konnten sie mit dem in unserem Gedächtnis installierten Bild der „Wachsflügelfrau“ von Eveline Hasler nicht in Verbindung bringen. Dazu fällt mir der Satz ein, den ich erst vor kurzem in einem Vortrag von Esther Meier gehört habe: „Geschichte zerfällt in Bilder nicht in Geschichten“. Auch das wird Anlass zu einem Programmpunkt geben können.

Im Sinne der Weiterbildung war eine Tagung in Bern zu Ehren der 60 Jahre alt gewordenen Geschichtsprofessorin Brigitte Studer zu verstehen. Sie lautete „Historische Gedächtnislücken“ und war für uns IG-Frauen, Sabine August und mich, eine Fundgrube von Denkansätzen.

Gemeinsam mit dem Frauenarchiv und FemWiss organisierten wir einen Tag zum Thema  „Frauenpräsenz in Wikipedia“.  Von Muriel Staub, einer Mitarbeiterin von Wikimedia, wurden wir instruiert, wie Frauen und ihre Geschichte in Wikipedia eingetragen werden können. Gerade hier ist die Vernetzung ganz besonders wichtig, sollten doch möglichst viele Frauen ihr Wissen dort selber eintragen können. Das wäre schon ein grosser Schritt in Wikipedia, als Mitglieder einer Gesellschaft vollwertig „wahrgenommen“ zu werden, ist die Devise von Muriel Staub. Der Tag war für die Teilnehmerinnen sehr informativ, gut und spannend. Ich konnte die Eintragungen zum Verein der Frauenmuseen weltweit und die Liste der Frauenmuseen so umgestalten, dass sie jetzt übersichtlich sind. Vorher waren die Einträge zufällig angeordnet, unvollständig und konzeptlos. Meine Intervention bei der Koordinatorin ergab, dass wir uns absprachen und ich die Eintragungen vornahm, denn gerade Frauenmuseen sollten auf die Darstellung von Frauen in der Öffentlichkeit sorgsam achten. Dass ich mich mit solchen Interventionen in die Nesseln setze, dürfte klar sein. Aber auch das kann beim Vernetzen manchmal passieren. Im Frauenarchiv wurden wir von Marina Widmer vom Frauenarchiv und von Lilian Capenter von FemWiss bestens betreut und verpflegt.

Eine andere Art von Darstellung von Frauen bildete das Angebot des Verlages Women in Art, das  Buch von Reinhard Fuchs, Meisterwerke der bildenden Kunst „Die grossen Künstlerinnen vom Mittelalter bis zu Neuzeit“ zu einem Sonderpreis zu bestellen. Vernetzt mit Christina Schlatter bestellten wir je eines für die Kantonsbibliothek und die Frauenbibliothek Wyborada und je eines für uns privat. Hier können Sie einen Blick hinein werfen. Unsere Bücher, es sind bereits eine ganze Anzahl, sind in der Wyborada gut aufgehoben, sogar in einem eigenen Bereich. Vielen herzlichen Dank an Regula Lüscher für die sorgfältige Registrierung. 
Eigentlich hätte die Wikipedia-Tagung der Schlusspunkt unseres Programms sein sollen, doch wir wurden vom Archiv für Frauen-, Geschlechter- und Sozialgeschichte eingeladen, die Vortragsreihe  unter dem Titel „Gegen Giftgas und Krieg - Frauen zur Zeit des 1. Weltkrieges für Frieden und soziale Gerechtigkeit“ mitzutragen. Dieses Angebot haben wir sehr gerne angenommen, war doch auch unsere Vorstandsfrau Heidi Witzig unter den Referentinnen und es entspricht wieder unserem Anliegen dieser Art des Aufbereitens und Aufzeigens von Geschichte.

Auf sehr eindrückliche Art wurden folgende Frauenengagements geschildert:


Jeder Vortrag war anders gestaltet und gab einen Einblick in die Situation der geschilderten Frau und ihr Engagement. Angesichts der Situation in Europa hätte diese Veranstaltungsreihe mehr Publikum verdient.

Das Thema war höchst aktuell, doch auch die Jubiläumsveranstaltung vom 2.12.2015 des Schweizerischen Friedensrates, die wir mittrugen, war nicht der brennenden Aktualität gemäss besucht. Der Abend unter dem Titel „Welche Rolle für die Frauen in der Friedensförderung“ beinhaltete ein Podiumsgespräch mit Brigitte Rindlisbacher, Chefin des Schweizer Rotkreuzdienstes, Annemarie Sancar von KOFF Swiss Peace und Carmela Bühler von der EDA-Abteilung über Sicherheit von Menschen, die in Konfliktregionen leben. Es war eindrücklich zu erfahren, wie aktuell diese Thema gerade jetzt ist, und tröstlich, dass die UN-Resolution 1325 besondere Auswirkung auf den Schutz von Frauen hat, die von Kriegsereignissen betroffen sind, in Lagern leben oder auf Flüchtlingsrouten unterwegs sind.

Vernetzung…, ja das ist eine echte Herausforderung. Es geht nicht nur darum Informationen zu vernetzen und Zusammenhänge zu erkennen. Auf einer anderen Ebene geht es auch darum, verschiedene Arbeitsstile, verschieden geprägte Frauen mit verschiedenen Zielen und Perspektiven, auch Meinungen und Zeitbudgets miteinander in Verbindung zu setzen und so Zusammenarbeit zu ermöglichen und zu gestalten.

Ins Jahr 2015 gehört auch noch das Erstellen einer eigenen Webseite. Diese war angeregt durch Sabine August und als wir das Angebot der Webmasterin Liliane Späth erhielten, diese Seite für uns zu gestalten, sagten wir freudig zu. Vielen Dank hier schon an dieser Stelle an Liliane Späth für die bereits getroffenen Vorbereitungen. Die Seite hat Gestalt angenommen und ich zeige hier gerne die Seite zu „wer wir sind“. Die Fotosession bei Barbla Jäger mit Urs Siegwart hat Spass gemacht. Nun geht es vor allem noch darum, die einzelnen Bereiche weiter zu füllen. Wir sind und bleiben dran.

Im begonnenen Jahr wird es vor allem um die Thematik Gleichstellung gehen, wird doch das Gleichstellungsgesetz am 1. Juli 2016 20 Jahre alt. Dass wir gerade den Tag „Equal Pay Day“ begehen, d.h. viele Frauen in diesem Jahr bis heute sozusagen gratis gearbeitet haben, dies im Lohnvergleich zu Männern, ist kaum zu glauben. Wenn das so schwierig sein soll, den Frauen für gleiche Arbeitsleistung gleichen Lohn wie den Männern zu zahlen, hätte ich hier einen Vorschlag zur Güte. Frauen könnten doch einfach bis zum „Equal Pay Day“ unbezahlte Ferien machen, dann hätten wir den Ausgleich auch geschafft.

Mit der Aussicht auf eine schöne Webseite und vielleicht immerhin mit unbezahlten Ferien bis zum „Equal Pay Day“ schliessen wir das Jahr, wie es begonnen hat, mit „Lichtblicken“ auf kommende Zeiten.

Für die IG Frau und Museum

Martha Beéry-Artho


Im Februar 2016